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Jupp streifte den
Schuh vom Fuß und ließ die Hand in die Hosentasche gleiten, um nach dem
Feuerzeug zu tasten. Eigentlich war diese blöde Eckbank unbequem, aber
wenn man den ganzen Tag in der Werkstatt gestanden hat, na ja, eben eine
gute Gewohnheit und allemal besser als die Pritsche im Wohnwagen damals,
jedenfalls vernünftig gebaut. Seine andere Hand griff sich die
Bierflasche, und ohne hinzusehen ließ er mit dem Feuerzeug den Kronkorken
springen.
Marie hatte ihm die
Abrechnungen von heute auf den Tisch gelegt, aber diesmal schob er sie zur
Seite. Jetzt nicht, einfach kein Bock nach dem anstrengenden Tag. Das
Geschäft lief gut und der Papierkram hatte bis morgen Zeit. Sogar einen
Steuerberater konnten sie sich leisten seit dem unerwarteten Geldregen
damals, den ihnen die Herren aus dem Morgenland verschafft hatten.
Und eigentlich war es
ja Maries Aufgabe, die laufenden Sachen abzuheften, schließlich war sie ja
nicht mehr berufstätig seit der Geburt und soviel Arbeit konnte ein Kind
ja auch nicht machen, wo sie schon im Betrieb nicht mehr half. Sie hat
sich seitdem sowieso verändert. Der Rummel damals ist ihr wohl nicht so
gut bekommen.
Schläft der
Kleine?
Marie sah nicht auf,
so eine blöde Frage, was denn sonst?
Hast du das
gelesen?
Jupp drehte sich zur
Fensterbank und nahm den Aschenbecher, der zwischen den Blumen stand. Das
Päckchen Zigaretten war schon etwas zerknüllt, aber zum Glück waren die
Kippen nur verbogen und nicht zerbrochen. Vorsichtig zupfte er eine heraus
und klopfte sie auf das Tischtuch, um dann bedächtig das Papier an der
Spitze abzubrennen, bevor er daran zog. Eine alte Gewohnheit, jahrelang
hatte er selbst gedreht.
Das Tischtuch war
noch von seiner Mutter und die Muster aus Kreuzstich und Hexenstich schon
reichlich verwaschen und verbügelt, aber er liebte es. Die gehäkelten
Kissen hatte Marie so nach und nach verschwinden lassen und wohl geglaubt,
dass er es nicht bemerken würde. Er hatte sie in dem Glauben gelassen. Es
lohnte nicht, um so was zu streiten, schließlich sagte er ja auch nichts
mehr, dass es die Gewürzgurken nicht auf einem Teller gab, sondern aus dem
Glas, das heute wie jedes Mal mit offenem Deckel auf dem Tisch stand.
Abends noch! Ja, Marie hatte sich verändert. Von der Eckbank aus konnte er
ins Wohnzimmer sehen, in dem Marie saß. Er wandte sich zur Seite, blickte
zu ihr hinüber. Von hinten sah sie immer noch aus, wie ein junges Mädchen,
weiß der Teufel, warum sie unbedingt diesen Schaukelstuhl haben musste,
aber gut, mit seinem Faible für Gerichtsmedizin konnte sie auch nichts
anfangen.
Was?
Wie, was?
Was gelesen?
Marie beugte sich
etwas nach vorne und du zog das blaue Tuch wieder über die Schulter. Mit
der linken Hand griff sie nach der Flasche Aloe Vera, ließ ein paar
Tropfen auf die Hand gleiten und fuhr unter den Pullover, um die Creme auf
dem Bauch zu verteilen. Früher hätte er sich darum gerissen, aber was
verstehen Männer schon von Schwangerschaftsstreifen. Gut, er musste ja
nicht begeistert sein, nach der Sache damals, aber ein bisschen Interesse
wäre ja nicht schlecht, und außerdem wusste er ja davon. Sie hatte es ihm
gesagt und er hatte kein Theater gemacht. Es hätte auch nichts genutzt, es
war ja nicht zu ändern. Dass er so komisch werden würde, hatte sie nicht
ahnen können, obwohl es ihnen jetzt besser ging, als vorher. Und das war
ja nicht nur sein Verdienst.
Der Kleine
schläft.
Die Antwort kam
mechanisch, sie wusste, wenn Jupp Feierabend hatte, wollte er seine Ruhe
haben.
Sie nahm die
Illustrierte und blätterte zwei Seiten zurück. Kein Zweifel, genau dort
hatte sie ihr Auslandspraktikum gemacht und ausgerechnet dieser junge Mann
aus gutem Hause war es doch gewesen, der ihnen so überraschend die
Aufwartung gemacht hatte nach der Geburt. Ausgerechnet, als sie in diesem
Scheiß Motel untergekommen waren, oder besser gesagt, der umgebauten
Scheune. Man sagte, er sei von Adel, und irgendwie sah man das auch.
Was es nicht alles
gibt!
Jupp faltete den
Lokalteil der Tageszeitung zusammen, in dem schon mal Ausschreibungen zu
finden waren, und drehte sich zu Marie um. Sie saß noch immer abgewandt
von ihm, atmete tief und schüttelte den Kopf.
Hmm, hmm,hmm…………
Du, hier im Emirat
…
Nur das nicht wieder,
bloß keine Geschichten aus dem Gelben Blatt, die sie ihm unbedingt
vorlesen musste. Er hasste vorlesen, egal was! Das war wohl das Einzige,
was ihr noch rosa Wangen verschaffte, und der ganze Scheiß interessierte
ihn sowieso nicht, und dass das damals wohl ein Praktikum mit ganz
besonderen Spielregeln gewesen sein musste, was sie damals im Emirat
gemacht hatte, den Gedanken daran hatte er schon tausendmal verflucht und
wollte davon nichts mehr wissen. Dann noch dieser Fürst oder Scheich oder
was zum Teufel auch immer nach der Geburt auf der Matte, das hatte doch
einen ganz fiesen Beigeschmack. Und dieses arrogante Auftreten mit
Chauffeur und allem Pipapo. Gestunken hatte es ihm sowieso, er als Papa
für die Fotografen, der Heilige Geist verpisst sich mit den Engeln und
schickt so nen Lackaffen mit nem Scheckbuch und zwei Kumpels als
Verstärkung. Vernünftig bewirten musste er sie natürlich auch noch, da
reichten Schnittchen nicht, schon lange kein Fladenbrot. Nein, die Herren
wollten bewirtet werden!
Gut, der Esel nebenan
in der Scheune war ja noch ganz fit, aber der Ochse war wohl fällig
gewesen, obwohl er noch jung war, damals. Dafür hatte er einen Blick,
schließlich war sein Opa Bauer gewesen und eigentlich war er ja bei seinem
Opa aufgewachsen. Dieses Rind war einfach komisch. Kein Tier ist so
zutraulich, und die letzten Tage hat es sich nur noch blökend am Boden
gewälzt mit Schaum vor dem Mund. Schlachtreif. Für diese Gäste gerade das
Richtige und reichlich. Sollten sie doch daran ersticken, aber eine
Adoption ließ er sich nicht abkaufen. Lieber einen Ochsen schlachten, Wein
auf Kredit und dann das Scheckbuch auf den Tisch. Sollten die Wüstensöhne
doch zahlen und nichts von Vorsehung erzählen, die ganze Sache stank doch
zum Himmel.
Du, da ist so eine
ganz merkwürdige Krankheit am Hof, die noch gar nicht erforscht ist. Die
haben das erst für Epilepsie gehalten, aber das ist es nicht. Sogar in den
benachbarten Emiraten soll es schon Fälle gegeben haben. Das ist bisher
eigentlich nur von Tieren bekannt. In England soll es so was mal gegeben
haben.
Jupp rutschte in die
Ecke, legte die Beine hoch. Er nahm sich eins der neuen Seidenkissen,
legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Lächelnd zog er an der
Zigarette, ein kurzer scharfer Stoß seiner Zunge formte den Qualm zu einem
lustigen Kringel.
Wenn der Junge
groß ist, Marie, soll er es gut haben, ich glaube, Sargtischlerei ist ein
gutes Standbein. Hat Opa schon gesagt: Investieren, expandieren,
kassieren!
Satire von Peter Schikora 2007 Alle Rechte vorbehalten
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