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A & O

O rückte sich das Kissen zurecht und streckte ihre Beine auf das Sofa. Kein Radio, kein Fernseher, kein Garnichts. Teilnahmslos wie immer ließ der Gummibaum seine Blätter hängen, so, als wolle er gar nicht gesehen werden. Also sah sie auch nicht hin. Die Fliege, die sich hinter der Gardine verfangen hatte, war so weit weg, dass man sie nicht hören konnte, ihretwegen konnte sie dort noch Stunden verbringen. Die Kante der Tapete hatte A ja auch schon seit der Renovierung nicht nachgeklebt. Und darüber hatte er den Druck von Hundertwasser gehängt. Bunte krumme Linien und das Bild hing sowieso viel zu nah an der Gardine, aber dafür hat A ja keinen Blick, nur weil der Nagel dort noch war - sowas war ihm egal und ihm dauernd hinterherlaufen, nein, das nicht, und heute schon gar nicht. In Ruhe lassen sollte er sie, ganz einfach in Ruhe lassen und nix weiter.  

O ließ den Arm herunterbaumeln, schloss ihre Augen. Bloß jetzt nicht bei diesem Licht schräg über den Fußboden sehen! Sie wusste ja, dass gewischt werden musste. Manche Dinge muss man einfach anderen überlassen, zum Beispiel Forschern, die darüber nachdenken, wie aus schwarzen Löchern neue Galaxien entstehen oder weiße Zwerge, die könnten auch mal darüber nachdenken wie Wollmäuse entstehen. Wollmäuse, das ist der blanke Hohn, kein Fetzen Wolle und Laminatboden, und dann Wollmäuse, das ist genauso logisch wie das Verschwinden von einzelnen Socken in Waschmaschinen. 

Langsam hob sie den Arm über die Schulter, um sich dort zu kratzen, wo es im Nacken juckte. Gut, dachte sie, gut dass ich mich damals geweigert habe, den Papagei anzuschaffen, so ein Mistvieh würde jetzt wahrscheinlich nur krakeelen und durch spontanen Federwechsel vorzeitige Haftentlassung erzwingen.  

A kam ins Zimmer und setzte sich wortlos an den Tisch. Natürlich hätte er sie begrüßen können, aber das kannte sie ja. Er zog sein Portemonnaie aus der Hosentasche und nahm die Einkaufsquittungen heraus, die er dann sorgfältig glättete, um sie anschließend zu zerknüllen. Nein, er würde nicht zurückgehen, wenn der Scanner an der Kasse Sellerie statt Kohlrabi registriert hätte, reklamieren kann man nur direkt nach dem Einkauf, wenn man die Ware noch im Korb hat, hatte er ihr erklärt, aber wenn man auf dem Kassenzettel bestand, würden die Kassiererinnen sich das merken und besser aufpassen.  

A stützte den Kopf auf den Ellbogen und ließ die Hand auf die Tischkante fallen. Die Sandalen hatte er wie immer abgestreift und ohne Hinsehen unter den Tisch geschoben. Das machte er immer so, aber daran hatte sie sich ja gewöhnt. Bloß nicht daran, dass er sie jedes mal fragte, wo seine Sandalen sind.  

Du könntest auch mal zwei Punkte vertragen! 

Wie, was ist denn jetzt los?

O richtete sich leicht auf, sah zu A hinüber. Er hatte ihr immer noch den Rücken zugewandt und fing an, die Centstücke aus seinem Hartgeld herauszusortieren, weil die immer in der Hosentasche so schwer waren und sie ausbeulte. 

Ja, zwei Punkte würden dich attraktiver machen!  

Wieso zwei Punkte? Was soll das? 

Na, einer geht doch nicht, das sieht nicht aus!

               A drehte sich langsam um und musterte O.  

Hast Du schon mal ein O mit einem Punkt gesehen? 

O richtete sich auf, sie war plötzlich hellwach.

Jetzt sag mir bloß nicht, dass Du mich zu einem Ö machen willst! Mit den beiden Punkten seh ich ja aus wie Mickeymaus! Ausserdem steh ich auf Streifen, aber das hast Du wohl schon vergessen! Ich will dir mal was sagen –  

A war aufgestanden und stemmte seine Fäuste in die Hüfte:

So rund wie Du bist, da könnte man mal ein bisschen für die Figur tun - oder wenigstens zwei Punkte. 

Auch O war jetzt aufgesprungen, ihr Blick war finster und die Augen verschossen Pfeile auf A.

Mein Lieber, wenn Du mich hier auf kaltem Weg zum Ö machen willst, dann bist Du schief gewickelt! Seh doch bloß mal in den Spiegel, Du siehst ja schon lange aus wie ein Weihnachtsbaum vom letzten Jahr mit deinen dünnen Beinen und nicht mehr wie der Eifelturm!

 A holte tief Luft, aber bevor er etwas sagen konnte -  O. war wie immer schlagfertiger und das hasste er.

Pass mal auf, mein Lieber, wenn ich dir zwei Punkte verpasse, dann bricht dir die Spitze ab, und vergiss nicht: Als kleines O bin ich noch genauso attraktiv wie als großes, aber seh dich mal im Spiegel an als kleines a - wahrscheinlich wirst du dich nicht mehr erkennen. Ja, und dann vielleicht noch zwei Pünktchen drauf - das ist ja zum totlachen!

 A. schnappte nach Luft und war froh, dass es in diesem Moment schellte. Das musste ja so kommen. Unangemeldet wie immer stand Ü in der Tür.  

Na, das ist aber nett!  

O stand auf und umarmte Ü. Gutgelaunt und tänzelnd wie immer balancierte sie ihr beiden Punkte. Sie hatte das einfach drauf.

Hei Bella, sei froh, dass du kein Bello bist ist hier was im Busch oder alles im Lot auf dem Boot? flötete Ü.

 A sah Ü an. 

Schön, dass Du vorbeikommst, grüß Dich, Frau Umlaut! O hat grad ne Krise.

 Sein Blick wanderte  von der sanften Biegung bis zu den entzückenden Punkten. Nein, diese Empathie würde O niemals haben, und diesen Charme schon gar nicht. Und das mit dem kleinen a, das würde er ihr nie verzeihen!

 Was ist los, du alter Spargel, kannst ruhig Ü zu mir sagen?

 Du kennst das doch, ich will Punkte, und sie nen Strich. Soll sie doch nach Norwegen gehen, zu den Wickingern, da ham se so was.

 Ü stellte ihre Tasche ab – sie ging nie ohne Tasche.

 Nun habt euch mal nicht so, ich wollte euch eigentlich nur einladen, heute Abend, zum Wein bei Tante Konsonante.

 O strahlte, dort traf man schon mal B. und F., G. und das kleine k, und wenn Ypsilon live Musik machte, dann war richtig was los.

Du, ich mach mich eben fertig, keine fünf Minuten, du kommst doch mit, Asinus?

 „Hast du meine Sandalen gesehen?“

 Ü zwinkerte O zu. Hätte sie es nicht getan, der Tag hätte kein gutes Ende genommen.

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